Brainboard - Gedächtnis, Lernen, Mnemotechnik

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 Betreff des Beitrags: Skandal Schule - Macht Lernen dumm?
BeitragVerfasst: Di 04. Sep 2012, 8:27 
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Zu seiner ersten Sendung am späten Sonntagabend (2. September 2012) im ZDF hatte der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht den Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther eingeladen, um mit ihm eine Dreiviertelstunde über den, wie es hier zum Ausdruck kam, katastrophalen Zustand unseres Bildungssystems zu sprechen. Wer diese aufrüttelnde Diskussion verpasst hat, kann sie hier nachschauen: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/ ... en-dumm%3F. Ich finde, es lohnt sich für alle, die am Thema Lernen und Bildung interessiert sind, also speziell für die Nutzer des Brainboards.

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Zu allen wirklichen Abenteuern gehört, dass man einen Schatz sucht.
David Loye


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BeitragVerfasst: Mo 10. Sep 2012, 1:49 
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Ich bin der Meinung dass die Annahme, der Wert des Lernens beschränke sich einzig auf das was langfristig behalten wird, komplett falsch ist.

Gerade das "Bulimielernen" ist nicht nur althergebracht sondern hat den großen Vorteil, dass eine mentale Infrastruktur aufgebaut wird. Es zählt also nicht nur was man behält, sondern die Entwicklung des Gehirns, die uns nicht bewusst ist. Wir alle sind von Lernstoff geprägt worden, den wir nicht mehr beherrschen. Latein, Altgriechisch, andere Fremdsprachen, vielleicht mathematisches Denken, Kunstunterricht, Geschichte und alle diese Dinge, wenn wir sie nicht ständig wiederholen, vergessen wir sie, aber dennoch bestimmen sie unseren Geist.

Wenn man den Schulstoff auf das Wesentliche herunterkürzt, dann bekommt man vielleicht glücklichere und kreativere Schüler, aber weniger kreative, belastungs- und lernfähige Studenten und Arbeitskräfte.

Wir stellen uns vor, dass das Vergessen wie ein Löschvorgang im Computer passiert. Aber in Wirklichkeit ist jede vergessene Information Teil unserer Persönlichkeit und Quelle unserer Kreativität.

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BeitragVerfasst: Di 11. Sep 2012, 8:28 
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vielleicht fragt man sich, wie sich das äußern könnte. Ich habe im Rahmen meines Abiturs das große Latinum gemacht. Die meisten Lateinvokabeln habe ich vergessen und meine Fähigkeit lateinische Texte übersetzen zu können tendiert gegen Null.

Mir fällt es aber verhältnismäßig leicht, neue Fach-Begriffe zu lernen und ich vermute als Ursache mein vergessenes Latein-KnowHow.

Ergänzung: Vielleicht hat das Bulemielernen Vorteile, weil es die Bildung von Hirnstrukturen fördert, die ggf. in einigen Kontexten sinnvoll sein können. Bulemielernen hat aber eben auch den grossen Nachteil, dass Lernen als unerfreuliche Anstrengung empfunden wird. Sie hält Menschen im schlimmsten Fall vom Lernen ab.

Ergänzung 2 @DocTiger: Vermutlich assoziiere ich den Begriff Bulemielernen zu sehr mit "Nürnberger Trichter". Bulemielernen bedeutet für mich, Lerninhalte in einer endlosschleife immer und immerwieder zu wiederholen. Du verwendest den Begriff etwas anders.

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BeitragVerfasst: Di 11. Sep 2012, 10:32 
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Bulimie wird in Verbindung mit Lernen als Negativmetapher, eine Art ideologischer Kampfbegriff, verwendet - in Anlehnung an die Ess-Brechsucht (reinstopfen und rauskotzen!), um das "sinnlose Pauken" anzuprangern: Faktenhuberei (eine andere Variante) versus "Bildung", das zwanghafte Lernen, das wahrer Bildung entgegen steht.
Gerald Hüther hob in dieser Sendung nicht von ungefähr auf die große Bedeutung der positiven Emotionen für den Lernerfolg ab und malte das Bild einer Schule aus, in der begeisterte Lehrer ihre Schüler zum Lernen mitreißen. Begeisterte Schüler (Studenten) können viel lernen, ohne dass sie das als Last empfinden, wie die Hirnforschung lehrt. Lernen aus Angst vor dem Versagen (reinstopfen, um Prüfungen zu bestehen) oder Lernen aus Freude an der Sache - in beiden Fällen wird das Wissen emotional gefärbt: positiv oder negativ. Und so bleibt denn auch die Spur.
Nicht die Rede war von dem, was uns hier ausgiebig im Zusammenhang mit dem Lernen beschäftigt: Mnemotechniken. Sie könnten aber in der neuen Art Schule (Hüther meint, in spätestens sechs Jahren sei das soweit! Was für eine kühne Hoffnung!!) eine bedeutende Rolle spielen und zwar gerade wegen der positiven Lernmotivation. Schließlich ist "Esels Welt" eine überaus lustvolle und humorgeladene Daseinsform. Wer das Wissen, das er lernen möchte (oder gar muss), mit der heiteren Kunst der Mnemotechnik positiv laden kann, tut sich leicht und steht nicht unter den Zwängen der Lern-Ess-Brechsucht. Wenn sich viele Lehrer jetzt auf den Weg machen, sich in diesen Techniken üben und nabenbei stets nach Möglichkeiten suchen, ihre Schüler mitzunehmen, ist diese Hoffnung Hüthers vielleicht gar berechtigt. Schaut euch hier um, Kollegen! und Eltern schulpflichtiger Kinder, was es da nicht alles an hilfreichen Möglichkeiten gibt, ihr werdet rasch fündig!

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Zuletzt geändert von Horkas am Di 11. Sep 2012, 17:35, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: Di 11. Sep 2012, 16:00 
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Ich bin grundsätzlich auch der Meinung, dass das Wissen, das wir lernen, nicht nur in irgendeine "Ecke" des Gehirns hin geschmissen wird, sondern dass es uns in einer bestimmten Weise verändert.

wie etwa:
AndreasF hat geschrieben:
Ich habe im Rahmen meines Abiturs das große Latinum gemacht. Die meisten Lateinvokabeln habe ich vergessen und meine Fähigkeit lateinische Texte übersetzen zu können tendiert gegen Null.

Mir fällt es aber verhältnismäßig leicht, neue Fach-Begriffe zu lernen und ich vermute als Ursache mein vergessenes Latein-KnowHow.


DocTiger hat geschrieben:
Wir stellen uns vor, dass das Vergessen wie ein Löschvorgang im Computer passiert. Aber in Wirklichkeit ist jede vergessene Information Teil unserer Persönlichkeit und Quelle unserer Kreativität.


Und was ist mit den noch vorhandenen Informationen? Tragen diejenigen Informationen, die wir noch wissen, nicht dazu bei?


mfg csp7

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BeitragVerfasst: Mi 12. Sep 2012, 13:03 
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@csp Das was wir behalten trägt natürlich auch dazu bei. Aber eben anders. Das vergessene verhält sich vielleicht wie eine amorphe Masse von Gedanken, wohingegen Erinnerungen konkret greifbare Bausteine sind.

Mit Bulimielernen meinte ich in der Tat, dass man sich einen enormen Wissensstand in einem Thema aneignet, meist für eine Prüfung und dann wieder "alles" vergisst. Meistens ist es nicht wirklich alles, aber es kommt einem so vor.

Das Dilemma ist, dass im Medizin/Tiermedizinstudium nur wenige Fächer gibt, in der man freiwillig ausreichend Stoff auswendig lernt. Ein wenig Disziplin ist immer dabei, egal wie intrinsisch die Motivation sein mag. Und meistens ist die Motivation überhaupt nicht intrinsisch, zum Beispiel bei mir in Chemie, Botanik oder Futtermittel...

Das kann man vergleichen mit einem guten Buch. Natürlich liest man es gerne. Aber wenn man haarklein die komplette Handlung nacherzählen soll, dann wird selbst dieses Lernen schnell öde. Und jetzt stellt euch mal vor ihr macht sowas Fach für Fach für Fach!

Und nochmal: Es gibt bislang keine nachgewiesene Methode, die ohne diese Stoffüberforderung brauchbare Ärzte hervorbringt. Krankenpfleger (die auch einen sehr wichtigen Beitrag leisten) lernen weniger intensiv. Und das ist meiner Meinung nach einer der Unterschiede zwischen Krankenpflegern und Ärzten, selbst wenn ihre Aufgaben sich teilweise überschneiden: Ein Krankenpfleger wäre mit ärztlicher Fortbildung überfordert, er wäre Pharmareferenten hilflos ausgeliefert, und mit den rechtlichen Aspekten der Praxis erst Recht.

Wovor ich warnen will, ist, dass wenn man solche Methoden in der Schule komplett vernachlässigt - und soweit sind wir bereits - dann bilden wir nicht mehr die jungen Gehirne heran, die für eine Karriere in der Medizin notwendig sind. Natürlich sollte man versuchen, mehr Spaß in die Sache zu bringen, aber möglichst nicht zum Preis der Unterforderung.

Ich glaube Latein und andere Sprachen außer Englisch sind die einzigen Fächer, in denen das Auswendiglernen noch trainiert wird. Die meisten anderen Fächer, auch Geschichte oder Biologie/Chemie (außer vielleicht LK Niveau), setzen nahezu komplett aufs Verstehen. Ich will nicht sagen, dass das schlecht ist, aber diese Entwicklung senkt natürlich auch das Niveau der Universität, wenn die Studenten keine Toleranz für Detailwissen haben.

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BeitragVerfasst: Mi 12. Sep 2012, 14:12 
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OK, ich denke, ich verstehe, was du meinst.
Und danke, denn von diesem Standpunkt habe ich es früher noch nie gesehen.
Ich habe mir früher nämlich immer vorgestellt, dass es wichtig sei so viel wie möglich zu behalten, bzw. dass es das *Einzige* sinnvolle sei.

Mit freundlichen Grüßen
csp

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BeitragVerfasst: Mi 12. Sep 2012, 23:18 
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Also natürlich ist es wichtig auch viel zu behalten. Bei Prüfungen gibt es für amorphes Gedankenmaterial keine Cookie-Points.

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BeitragVerfasst: Mi 19. Sep 2012, 16:11 
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Quintessenz: "Gebildet ist auch, wer es einmal war", um es mit den Worten von Dietrich Schwanitz zu sagen.


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BeitragVerfasst: Do 20. Sep 2012, 16:35 
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Aber auch das, was wir scheinbar vergessen haben, ist doch noch da. Verloren gegangen ist nur der Weg dorthin, die Synapsen. Davon bin ich jedenfalls bisher immer ausgegangen. Wenn ihr jetzt unterscheidet zwischen amorphem Wissen und Bausteinen, dann klingt das so, als seien die Speicher selbst unterschiedlich. Aber wenn ich einmal etwas gelernt habe und es im Laufe der Zeit vergesse, ändert sich doch nicht der Speicherplatz selbst,....oder? :roll:


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BeitragVerfasst: Do 20. Sep 2012, 17:56 
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Es gibt keinen Speicherplatz im Gehirn. Ob wir alles behalten was wir je wahrgenommen haben, ist so eine Sache die heiß diskutiert wird. Zum Beispiel unter Hypnose lassen sich zwar uralte Erinnerungen herauskramen, die sind aber nicht unbedingt authentisch.

Was ich mit den Bausteinen meinte ist eher die später Verwendung bei kreativer Problemlösung, und es ist wieder eine andere Metapher für Informationsverarbeitung im Gehirn. Es gibt viele dieser Metaphern, zum Beispiel den Computerspeicher, eine Suchmaschine oder Mustererkennung. Gerade die Computermetaphern machen meiner Meinung nach am wenigsten Sinn. Erinnerungen kann man nicht speichern, nicht löschen und nicht adressieren. Während ein Computer sehr gut darin ist, Daten aufzuzählen, aber sehr schlecht darin, Daten sinnvoll zu suchen, sind wir Menschen extrem schlecht im Aufzählen, aber extrem gut im Suchen.

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BeitragVerfasst: Do 20. Sep 2012, 18:59 
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DocTiger hat geschrieben:
Gerade die Computermetaphern machen meiner Meinung nach am wenigsten Sinn.


Oh, es sind nur die falschen! Die ganze Mnemotechnik z.B. ist im Grunde eine Nachbildung von Algorithmen und Datenstrukturen:
Eine mnemotechnische Route? Eine doppelt verkettete Liste! http://de.wikipedia.org/wiki/Verkettete ... tete_Liste
Eine Route die auf Zehnerräume aufgeteilt ist? Eine Skip-Liste! http://de.wikipedia.org/wiki/Verkettete ... Skip-Liste
Eine Geschichte? Eine einfach verkettete Liste! http://de.wikipedia.org/wiki/Verkettete ... tete_Liste
Die Keyword-Methode? Eine gezielt ausgesuchte Hashkollision! http://de.wikipedia.org/wiki/Hashing
Das Mastersystem? Ein surjektive Codierung! http://en.wikipedia.org/wiki/Code
usw.


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BeitragVerfasst: Do 20. Sep 2012, 19:09 
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DivineTraube hat geschrieben:
Ein surjektive Codierung!

Hallo DivineTraube,
was soll das bitteschön heißen?
MfG
Horkas

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BeitragVerfasst: Do 20. Sep 2012, 19:52 
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Horkas hat geschrieben:
DivineTraube hat geschrieben:
Ein surjektive Codierung!

Hallo DivineTraube,
was soll das bitteschön heißen?
MfG
Horkas

Einen Erkenntnisgewinn wird dir das sicherlich nicht bringen ;-) Aber gut, das bedeutet es: eine typische Codierung (z.B. der ASCII Code) ist bijektiv, z.B. "A" = 65, "B" = 66, d.h. jedes Element der einen Seite, wird genau einem der anderen Seite zugeordnet. Wenn eine Codierung surjektiv ist, bedeutet das, dass die Zuordnung nicht eindeutig ist, z.B. 30 = "Moos", "Mais", "Meise", "Muße",... Ein Beispiel aus der Informatik ist die 8B/10B Codierung bei der ein 8 Bit Codewort auf ein 10 Bit Codewort gemappt wird, so dass der Gleichstromanteil eines elektischen Signals eliminiert wird (z.B. bei USB) http://en.wikipedia.org/wiki/8b/10b_encoding


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BeitragVerfasst: Do 27. Sep 2012, 22:21 
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Ich bin der Meinung dass die Mnemotechniken eben nicht diesen Algorithmen entsprechen. Gerade nicht wenn es um praktische Informationen geht. Gehirne und Computer verarbeiten Informationen einfach unterschiedlich. Die verketteten Listen klingen zwar "logisch" ganz ähnlich, aber sie sind doch irgendwie anders, oder zumindest funktionieren sie besser als man es von den Algorithmen erwarten würde.

Gerade die mechanische Anwendung der Techniken macht den Praxiseinsatz so schwierig.

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BeitragVerfasst: Sa 29. Sep 2012, 8:20 
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Ist es nicht so, dass das Gehirn gleichzeitig sowohl digitale als auch analoge Informationen verarbeitet? Und ist nicht das Wesen des mnemotechnischen Lernprozesses das kreative Moment, wie es in jeder Assoziation zu beobachten ist? Wenn dem aber so ist, dann kann man die mnemotechnischen Vorgänge nicht in Algorithmen beschreiben, zumindest nicht komplett, sondern höchstens partiell.

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BeitragVerfasst: Di 02. Okt 2012, 20:09 
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Nein, man kann Informationsverarbeitung im Gehirn nicht als digital oder analog bezeichnen. Das sind nämlich Designdisziplinen, beziehungsweise Abstraktionen die von Ingenieuren erfunden wurden. Die Informationsverarbeitung im Gehirn ist etwas anderes, das man nicht konkret versteht.

Man kommt so ein wenig in diese Richtung wenn man sich mit künstlichen neuronalen Netzwerken beschäftigt. Eine Form der "gespeicherten" Information ist dann eine Art Programm um mathematische Funktionen abzubilden. Zum Beispiel wenn ich einem Hund einen Ball zuwerfe, hat sein Gehirn gelernt, die Parabel der Flugbahn zu berechnen.

Es ist relativ leicht mit Hilfe von neuronalen Netzwerken bestimmte Muster zu unterscheiden. Dann bildet das Netzwerk nämlich eine Hyperebene, und die Datensätze liegen entweder auf der einen oder der anderen Seite der Hyperebene. Diese Klassifizierung mag binär erscheinen, aber die Hyperebene ist mehrdimensional und ändert sich, was wir als Lernprozess begreifen. Komplizierteres Lernen deklarativer Zusammenhänge wiederum kann man mit diesem Modell nicht erklären, aber ich finde, dass man auf diese Weise der Art der Informationsspeicherung im Gehirn näher kommt als mit bloßen digitalen Vergleichen. Keine Information hat "den einen" Ort in Form einer Synapse. Selbst die sogenannten "Großmutterneurone" können alleine nicht funktionieren.


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BeitragVerfasst: Mi 23. Jan 2013, 20:55 
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Bulimilielernen ist sogar ziemlich gut. Stichwort Overlearning (http://en.wikipedia.org/wiki/Overlearning).
Oft merkt man gar nicht wie viel eigentlich hängen geblieben ist, doch es ist wirklich einiges das man mitnimmt. Die Methode ist vielleicht nicht die beste, doch sie funktioniert.
In vielen Studienfächern baut alles aufeinander auf und so erklimmt man Stufe für Stufe den Berg. Jede Stufe ist dabei eine Klausur.


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BeitragVerfasst: Mo 18. Feb 2013, 11:30 
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DocTiger hat geschrieben:


Das Dilemma ist, dass im Medizin/Tiermedizinstudium nur wenige Fächer gibt, in der man freiwillig ausreichend Stoff auswendig lernt. Ein wenig Disziplin ist immer dabei, egal wie intrinsisch die Motivation sein mag. Und meistens ist die Motivation überhaupt nicht intrinsisch, zum Beispiel bei mir in Chemie, Botanik oder Futtermittel...

Das kann man vergleichen mit einem guten Buch. Natürlich liest man es gerne. Aber wenn man haarklein die komplette Handlung nacherzählen soll, dann wird selbst dieses Lernen schnell öde. Und jetzt stellt euch mal vor ihr macht sowas Fach für Fach für Fach!

Und nochmal: Es gibt bislang keine nachgewiesene Methode, die ohne diese Stoffüberforderung brauchbare Ärzte hervorbringt. Krankenpfleger (die auch einen sehr wichtigen Beitrag leisten) lernen weniger intensiv. Und das ist meiner Meinung nach einer der Unterschiede zwischen Krankenpflegern und Ärzten, selbst wenn ihre Aufgaben sich teilweise überschneiden: Ein Krankenpfleger wäre mit ärztlicher Fortbildung überfordert, er wäre Pharmareferenten hilflos ausgeliefert, und mit den rechtlichen Aspekten der Praxis erst Recht.

Wovor ich warnen will, ist, dass wenn man solche Methoden in der Schule komplett vernachlässigt - und soweit sind wir bereits - dann bilden wir nicht mehr die jungen Gehirne heran, die für eine Karriere in der Medizin notwendig sind. Natürlich sollte man versuchen, mehr Spaß in die Sache zu bringen, aber möglichst nicht zum Preis der Unterforderung.

Ich glaube Latein und andere Sprachen außer Englisch sind die einzigen Fächer, in denen das Auswendiglernen noch trainiert wird. Die meisten anderen Fächer, auch Geschichte oder Biologie/Chemie (außer vielleicht LK Niveau), setzen nahezu komplett aufs Verstehen. Ich will nicht sagen, dass das schlecht ist, aber diese Entwicklung senkt natürlich auch das Niveau der Universität, wenn die Studenten keine Toleranz für Detailwissen haben.



Hallo DocTiger,
ich habe in der Schule die komplett gegenteilige Erfahrung gemacht:
Bis zur 11. Klasse habe ich nicht gelernt, weil mir gar nicht bewusst war, wie das gehen sollte und meist nur auswendig gewusstes in den Klassenarbeiten geschrieben (mit dem Erfolg, von der Realschule auf ein Fachgymnasium wechseln zu können, also eingiermaßen guten Noten).

In der Oberstufe habe ich zum ersten Mal Stoff verstanden.

Dieser Stoff ist mir zum Großteil heute noch gegenwärtig, wenigstens in seinen Grundzügen und einigen Details, während ich schon nach den Sommerferien fast alle Details vergessen hatte, die ich in der RS gelernt hatte.
Beispeil:
Wir haben im 2. Hbj. der 10. KLasse in Bio Zellbio durchgenommen, Mendelregeln, Grundzüge des Zellbaus usw.
Ich hatte eine 2.
Nach den Sommerferien fragte also der neue Biolehrer, was man denn im letzten Jahr gemacht hätte - öhm...

Und was man denn so über den Bau der Zelle wisse - hm....

Nach 6 Wochen (sagen wir 8 ) hatte ich sämtliche Details, die ich vorher für Klassenarbeiten wiedergeben konnte, so weit vergessen, dass sie mir ohne Stichworte gar nicht mehr ins Bewusstesein gekommen wären. :shock:

Dagegen weiß ich heute noch recht genau, was ich in welchen Halbjahren der Oberstufe so gelernt habe und kann dazu auch noch einige Details wiedergeben.

Aus meiner Sicht liegt das am Unterschied der Unterrichtsweise und der Klassenarbeiten:
In der RS ging es um Fakten, einzelne Fakten und in den KA um Merksätze und wieder einzelne Fakten; in der Oberstufe ging es größtenteils ums Verstehen, Transferieren, Durchdenken des Stoffes und die Fakten waren dazu nötig (zu wissen).
Dies wurde auch immer schön betont: Nicht für die Arbeit lernen, sondern den Stoff verstehen.

Dadurch lernt man zwar auch die Fakten, aber mit dem Blick auf deren Anwendung, also mit einem Ziel (vs. Bulimielernen ohne Ziel) und mit der Überlegung, wie sie zusammenhängen (verstehen).

Erst in der Oberstufe wurde mir klar, WAS ich eigentlich vorher in der RS "gerlernt" hatte (nichts :shock: ) - ich hatte von der RS zwar Fakten behalten, aber größtenteils komplett unverstanden oder auch nicht durchdacht oder hinterfragt.
Mein Lielingsbeispiel ist Chemieunterricht 8. Klasse.
Ich hatte eine 1 in einer Arbeit über die Kurbelwelle, ohne zu wissen, was das ist oder wofür man es braucht, aber mit allen "Fakten", die im Unterricht dazu durchgenommen wurden und ohne, dass mir dies je bewusst geworden wäre (so kam ich die ganze Unterrichtseinheit nicht auf die Idee, mal nachzufragen, was denn eine Kurbelwelle genau wäre und wozu man die braucht).

Mit dieser Haltung verstand ich in der Oberstufe als erstes, dass ich nichts von Chemie verstand, wie meine Klassenkameraden aus der RS.
Viele aus dem Chemiekurs hatten sich für Schulen oder Ausbildungen mit Schwerpunkt Chemie beworben, und viele, die ich später traf, haben dort versagt oder gewechselt.
ich selbst hatte in den ersten KA der Oberstufe, in denen chem. Wissen relevant war (Ernährugnslehre etc.) 4en und 5en; als mir der Unterschied der Lernweise bewusst wurde, 1en und 2en.

Letztere, weil mir bewusst geworden war, was eigentlich da verlangt wurde und wie man sich darauf vorbereiten musste bzw. auf welche Weise man sich mit dem Stoff auseinandersetzen musste.
Das hatte ich vorher NIE getan, es wurden ja nur einzelne Fakten abgefragt.

Von daher würde ich sagen: Bulimielernen, NUR Memo = Stoff ohne Tiefe, ohne Verständnis, einzelne Definitionen etc. ohne dass man überhaupt wissen muss, welche Bedeutung das Thema hat, womit es zusammenhängt und wer es wozu braucht.
Verstehen = Fakten und Detailwissen sind auch notwenig, oder Grundvoraussetzung, aber man setzt sich damit auseinander, wer den Stoff wann wofür braucht, welche Themen zusammenhägnen und was man damit erklären oder anders durchdenken kann.

Ich nehme stark an, dass eine Student, der NUR Bulimielernen betrieben hat, und so auch durch die Klausuren kam, im Beruf arge Probleme hat, weil dort gefordert wird, dass er den Stoff versteht, gerade als Arzt auch überlegen kann, wann welcher Stoff nach laienhafter Beschreibung der Patienten relevant ist und wie er ihn (zur Therapie) anwendet - was nur mit Bulimielernen ohne Verständnis schwierig sein dürfte.

Bulimielernen in Reinform ist für mich eher eine Art der vagen Assoziationen - "ich hab das mal gehört, der Begriff tauchte auch auf, also passen die zusammen - ohne dass ich weiß, was einer davon bedeutet".
Auf die Weise kann man etwa eine Anatomiezeichnung beschriften, ohne zu wissen, wie die Organe zusammenarbeiten oder was sie genau machen.

LG
Frederica


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BeitragVerfasst: Mo 18. Feb 2013, 11:33 
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Registriert: Mi 24. Jun 2009, 14:53
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PS
Übrigens habe ich von einigen Älteren, die in den 60er Jahren zur Schule gingen, gehört, dass so manches bis vieles "gelernt" wurde, ohne es im Ansatz zu verstehen und dass diese Menschen teils erst viel später, jetzt, mit Aufkommen des Internets etc., die Idee hatten, dass sie solche Sachen auch verstehen konnten.
Immer wieder tauchte dabei die gleiche Aussage auf - man habe zwar die Klassenarbeiten geschafft, wusste aber gar nicht, wovon man da schrieb und kam auch (größtenteils) nicht auf die Idee, man jemanden zu fragen.

DAS ist heute sicher größtenteils komplett anders, oder?

Ein Vorteil des Unterrichts, der auf Verstehen, Nachfragen, Recherchieren basiert?

LG
Frederica


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